OPER.A 20.21 - Künstlerische Leitung


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Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die  Kunst.

Johann Wolfgang von Goethe,
Die Wahlverwandtschaften

Auf The Irony of Life und Love and other cruelties folgt mit Escape from Reality der dritte und finale Teil unserer Trilogie über das Leben. Stets ging und geht es dabei um die zentrale Frage: What makes us tick? Was treibt uns an?
Das Phänomen Mensch und warum er tut, was er tut, und ob er weiß, was er tut, und nicht zuletzt, wie er was auch immer tut, sind immanente Fragen der Kunst, die wir uns auch in der Spielzeit 2017/18 von OPER.A 20.21 stellen.
Escape from Reality, ein doppelbödiges Motto, das zwei zentrale Funktionen der Kunst unterstreicht: Zum einen eröffnet sie uns die Möglichkeit, der Wirklichkeit zu entfliehen und zum anderen
bietet sie uns die Chance, über unser Dasein zu reflektieren. Oper als eine Ablenkung von dem, was uns außerhalb von Opernhäusern, Konzertsälen, Museen oder Kinos beschäftigt, als ein Wellnessangebot der Kunst. Aber auch und gerade als ein Ort menschlicher Wahrheiten und Wirklichkeiten, als eine lebendige Kunstform mit großem Potential und Tradition, die sich immer neu zu definieren vermag, weil sie eben nicht nur in der Vergangenheit verharrt.
Unsere Zeit, geprägt durch sich immer rasanter verändernde politische, ökonomische und gesellschaftliche Wirklichkeiten, lässt offenbar und immer öfter nur einen Ausweg zu: Flucht. Flucht vor der Umwelt, Flucht vor sich selbst, Flucht vor der Realität (so nebenbei erwähnt: dann und wann machen kleine Fluchten den Alltag ja auch erst erträglich).
Das Verrücken von Wirklichkeiten, der schmale Grat zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen der Suche nach dem großen Glück und dem harten Aufprall auf dem Boden der Realität ist Thema unserer Eröffnungsproduktion, Die Antilope des gebürtigen Innsbruckers und diesjährigen Artist in Residence Johannes Maria Staud, einer der international gefragtesten Komponisten seiner Generation. In Ettore Majorana zeigt der Komponist Roberto Vetrano, was es mit dem mysteriösen und rätselhaften Verschwinden des sizilianischen Kernphysikers auf sich gehabt haben könnte, Flucht inbegriffen: ein höchst spannender, auf wahren Begebenheiten beruhender musiktheatralischer Thriller. Im April folgt Verdis zeitloser Klassiker La Traviata mit Violettas Versuch ihrer Lebenswirklichkeit zu entfliehen, was – wir ahnen es – tragische Konsequenzen mit sich bringt. In der Inszenierung des jungen Bozner Regisseurs Andrea Bernard wird die Oper als ein Spiegel sozialer, politischer und subjektiver Wirklichkeiten abgebildet. Keine Flucht vor der Realität, sondern ein Aufzeigen der musiktheatralischen Wirklichkeit der Euroregion Tirol – Südtirol – Trentino, war das für den März 2017 ausgelobte Projekt OPER.A 20.21 FRINGE. Für die Spielzeit 2017/18 wurden von einer internationalen Jury die beiden Produktionen Gaia und Curon/ Graun ausgewählt. Hannes Kerschbaumer schickt seine Protagonisten in „Gaia“ dorthin, Where No Man Has Gone Before, in die Tiefen des Weltalls auf der Suche nach einer besseren Welt, um doch wieder auf der Erde zu landen. Eine Oper über Zerstörung und Verlust einer immer verantwortungsloser mit Ressourcen umgehenden Gesellschaft, die sich blind zeigt gegenüber ihrer ökologischen Realität. Welche Wirklichkeiten vor knapp 50 Jahren geherrscht haben, zeigt das Künstlerteam Office for Human Theatre in seiner Musikinstallation Curon / Graun. Es erzählt mittels machtvoller Bilder und ausdrucksstarker Musik von Arvo Pärt von einem „untergegangenen“ Dorf und von Künstlichkeit, die zur Wirklichkeit wurde. Der Sprachlosigkeit ob dieser Realität wird durch die Abwesenheit von Sängern Rechnung getragen.
Ein Hoch also dem Eskapismus! Weil Kunst aber viel mehr kann, noch eine Bitte meinerseits, gebrauchen Sie den Spiegel, den sie Ihnen anbietet. Sie werden erstaunt sein, welche Fragen sich Ihnen auftun und welche neuen
Perspektiven sich Ihnen eröffnen werden.

Muten Sie es sich zu. Herzlichst,
Ihr

Matthias Lošek
Künstlerischer Leiter OPER.A 20.21


Biografie

Matthias Lošek wurde 1969 in St. Pölten geboren und hat Geschichte und Deutsche Philologie an der Universität Wien studiert. Er war als Film- und Kulturkritiker der Wochenzeitung Niederösterreichische Nachrichten tätig. Von 2000 bis 2007 zeichnete er als künstlerischer Leiter der Sparte “Kunst aus der Zeit” der Bregenzer Festspiele verantwortlich. Von 2007 bis 2010 stand er dem Kulturstadtrat der Stadt Wien als kulturpolitischer Berater und persönlicher Referent zur Seite. Seit 2010 ist er künstlerischer Leiter von Wien Modern, dem größten Festival für Neue Musik in Zentraleuropa; 1988 von Claudio Abbado gegründet umspannt das Festival verschiedenste Ausdrucksformen der Kunst des 21. Jh.s.