Es geht ums Menschsein

veröffentlicht am
Mercoledì
18 ottobre 2023

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Ihre neunte und zugleich letzte Opernsaison als Künstlerischer Leiter steht unter dem Motto „Nothing is written“. Was steckt dahinter?

 

„Nothing is written“ bedeutet für mich in erster Linie, nichts ist unmöglich, alles beginnt immer wieder von Neuem. Mit den an die Pop-Kultur angelegten Titeln der Spielzeiten unter meiner Leitung wollte ich neugierig machen und dem Publikum einen Impuls geben aber keine gezwungene Lesart vorgeben. Das, worum es mir in der Zeitgenössischen Oper geht und was ich in den vergangenen Spielzeiten auf der Bühne verhandelte, ist die Frage: Wie tickt der Mensch. In der Kunst geht es doch immer ums Menschsein. Und in der Oper sowieso.

Inwiefern markiert „Nothing is written“ Ihren Abschluss als Künstlerischer Leiter in Bozen?

 

Es war mir schon immer klar, dass dies der Titel meiner letzten Spielzeit bei der Stiftung Haydn sein würde. Ich liebe dieses Spiel mit den prägnanten Titeln und habe sie als Hinführung zu „Nothing is written“ verstanden. Wir hatten in den letzten Jahren ja schon „Angel or Demon“, „Love and other cruelties“ oder eben „Once upon a time“. Auch wenn der Fokus jeweils unterschiedlich gelegt wurde, so ging und geht es mir immer um die Verhandlung der philosophischen Frage, wie der Mensch tickt. Es geht um das große Ganze, um das Menschsein. Darum geht es in der Kunst. Alles andere ist Erheiterung und Entertainment. Wenn ich also durch bin mit meinen Gedanken und ich durch bin, und neun Saisonen ist tatsächlich eine lange Zeit, dann bleibt nur noch: Nichts ist unmöglich. Alles beginnt immer wieder von vorne, bei Null.

Zum Auftakt inszenieren Sie selbst Puccinis „La Bohème“. Wie passt dieser Opernklassiker in eine zeitgenössische Opernsaison?

 

Jede gute Oper ist in meinen Augen zeitgenössisch. In La Bohème, die auch zu meinen Lieblingsopern zählt, steckt viel Gegenwartsbezug. Zwischen Freiheitsdrang und Existenznöten versuchen sich vier junge Menschen als Künstler. Da steckt für mich auch dieser Neubeginn des „Nothing is written“ drinnen. Dann begegnet ihnen die Liebe und schließlich der Tod. La Bohème ist Melodrama pur. Es geht ums Leben und Lieben, ums Leiden und Sterben. Für mich ist sie auch die grausamste aller Opern. Ein junges Mädchen, schwerkrank, wird aus dem Leben gerissen. Und die Gesellschaft schaut zu. Das ist doch extrem aktuell.

Was haben Sie persönlich für einen Bezug zu „La Bohème“ und was dürfen wir uns von Ihrer Inszenierung erwarten?

 

Ich muss zugeben, La Bohème ist meine Lieblingsoper. Aber das ist natürlich nicht der Grund, weshalb ich sie zum Abschied inszeniere. Auch, dass sich 2024 der Todestag von Giacomo Puccini zum 100. Mal jährt, ist lediglich ein passender Zufall. Ich habe seit vielen Jahren diese Idee der Bohème im Kopf, nun wird sie konkret. Ich zeige die Bohème, so wie ich sie wahrnehme: sehr reduziert, ohne Schnickschnack. Die Tragik ist in der Musik und in der Geschichte. Für mich ist die Bohème ein Requiem für Mimi, das wäre mein Untertitel, würde es einen geben. Jeder kennt die Geschichte und weiß, wie es ausgeht. Wir begleiten eine Todkranke bis zum Finale. Das ist nicht ohne. Für die Inszenierung in Bozen haben wir einen sehr guten, jungen Cast gefunden. Es war mir wichtig, dass sie jung sind, um die Charaktere wahrhaftig darstellen zu können. Bei der Oper und vor allem bei La Bohème geht es für mich auch um die Wahrhaftigkeit. Denn ich glaube in jeder Oper steckt auch ein hohes Maß an Identifikation drinnen. Deshalb fasziniert dieses Genre bis heute.

Nach „Toteis“ und „Peter Pan – The Dark Side“ kommt mit „Dorian Gray“ die dritte Auftragsoper der Stiftung Haydn auf die Bühne. Welche Bedeutung haben diese Auftragswerke für Sie?

 

Wer heute als Institution ernsthaft einen Schwerpunkt auf zeitgenössische Oper setzen möchte, der muss auch Auftragswerke machen. Das stand für mich von Beginn an fest. Dabei war es mir wichtig, auch regional einen Mehrwert zu bieten. Mit der Opern-Trias zeigen wir auf, was hier, also zwischen Innsbruck und Trient an zeitgenössischer Oper stattfindet. Zeitgenössische Oper gibt es nicht nur in Berlin und London, sondern auch direkt hier, das wächst auf dem Humus der Region. Dass es mit Manuela Kerer, Wolfgang Mitterer und Matteo Franceschini so tolle Komponisten in der Euregio gibt, war natürlich vom Vorteil.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der von Ihnen ins Leben gerufene Musiktheaterwettbewerb FRINGE. Heuer wird mit LORIT bereits das vierte Siegerprojekt gezeigt. Ein Erfolg?

 

In den vergangenen Jahren haben wir mit dem Projekt jungen Künstlern aus der Euregio die Möglichkeit geboten, ein Stück auf die Bühne zu bringen. Es geht dabei auch um das konkrete Realisieren einer Idee, um die Frage, was bedeutet das überhaupt eine Konzept, eine Idee konkret umzusetzen. Das diesjährige Siegerprojekt erfüllt alles, was man sich als künstlerischer Leiter wünschen kann. Es verhandelt einen Stoff aus der Gegenwart. Es geht um Klimawandel, und Overtourism in Tirol. Ein sehr ambitioniertes Projekt, man darf gespannt sein.